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Ein Abend jenseits der Träume

von Martin Siemer

Rolf Rötgers ist mit neuem Soloprogramm zurück auf der Bühne

Wildeshausen. Ein wenig hat es etwas von einem Familientreffen, das Miteinander vor dem Konzert von Rolf Rötgers. Am Sonnabend stand der 61-jährige Musiker und Literat nach sechsjähriger Pause erstmals wieder auf der Bühne. Für das Comeback hatte er sich das Foyer der Musikschule des Landkreises Oldenburg ausgesucht. Die dunklen Vorhänge, die den Garderobenbereich verhüllen, und das dezente Licht vermitteln etwas von Wohnzimmeratmosphäre. Viele Hände musste Rötgers schütteln, viele Umarmungen gab es. Und Rötgers musste weitere Stühle aus dem Saal ins Foyer schleppen. Die vorbereiteten Sitzplätze waren schnell besetzt. Mehr als 70 Gäste warteten gespannt auf das neue Soloprogramm „Jenseits der Träume“. Das gut zweistündige Programm ist eine Mischung aus Lesung, Musik und Zauberei.

„Ein schlaues Publikum ist Garant für einen angenehmen Abend“, schmeichelte Rötgers seinen Zuhörern.Dann griff er für ein erstes Lied zur Gitarre. Diese begleitet ihn seit mehr als 40 Jahren, was er im späteren Verlauf anhand eines Schwarz-Weiß-Fotos belegte: Rötgers und seine Gitarre auf einer Wiese inmitten von Kühen. Aufgenommen wurde das Bild auf einer Weide in Bardel nahe Bad Bentheim. Dort verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Sein Vater kam nur wenige Monate nach Rötgers Geburt bei einem Motorradunfall ums Leben.

Die Zeit in Bardel arbeitete der Literat in seinem teilweise autobiografischen Buch „Im Bann der Lerche“ auf. Ein Stück daraus las er am Sonnabend. Der Protagonist heißt nicht Rolf sondern Andrej. Doch auch dieser kann mit Tieren sprechen – was auch Rötgers von sich behauptet. „Gegebenenfalls kann ich dies noch heute Abend beweisen. Hat zufällig jemand eine Katze dabei?“, fragte er ins Publikum, um dann selbst klarzustellen: „Nein? Dann wird dieses Geheimnis wohl ein Geheimnis bleiben.“

Rötgers schildert die Erlebnisse von Andrej mit einem Wesen mit Kutte und ohne Kopf, das ihm die Fensterscheiben einwirft. Sina, die Katze, die gelegentlich bei ihm übernachtet, spricht von einem Boten der Lerche. Ein mystischer Vorgang. Sehr real sind dagegen die Beamten des Bundeskriminalamtes, die sein kleines Haus stürmen. Andrej wird zur Polizeiwache mitgenommen und verhört. Man vermutet ihn im Bereich des linken Terrorismus, der das Land Ende der 1970er-Jahre in Atem hält. Dabei hat Andrej damit überhaupt nichts gemein. Und dass sein Freund, ein holländischer Koch, gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat auch nichts damit zu tun. Die Polizei findet nichts Belastendes, Andrej kann wieder nach Hause. Für Rötgers ist das Buch ein Blick in seine Jugendzeit.

Am Sonnabend stellte er sich aber selbstbewusst seinem Alter. Zum Beispiel mit dem Lied über alte Männer. Das kündigte er mit einem Augenzwinkern an: „Heute bin ich eigentlich besser als je zuvor. Das Problem ist: Man sieht es mir nicht an.“ Und den Texthänger, der die Pointe verpatzt, nahm er gelassen in Kauf.

Um seine Zuhörer ein wenig vom Nachdenken über die tiefgründigen Texten zu befreien, streute Rötgers immer wieder kleine Zaubertricks ein. Er ließ einen weißen Ball verschwinden. Er verwandelte einen roten Ball in einen gelben. Wobei das eigentlich ein Hamster werden sollte. Und Rötgers überreichte einer Dame im Publikum eine weiße Rose, die mit einem Zauber belegt war. „Wenn sie die Rose mit nackter Haut länger als 30 Sekunden berühren, dann muss jede Frau im Raum ihren Sitznachbarn heiraten“, versprach Rötgers.

Seine Texte haben teilweise philosophische Züge. „Hätten wir auf alle Fragen eine Antwort, wir würden in einer Welt leben, in der es keine Geheimnisse mehr gibt.“ Und auch, dass die Eiligen die Welt zu spät verstehen, stellt Rötgers in einem Lied fest. Doch er ist nicht nur der melancholische Liedermacher. Sein Rap „Wir sind die Stehpisser“ geht streng mit dem maskulinen Widerstand gegen das Sitzpinkeln ins Gericht.

Das Publikum genoss die Lieder und Texte bei einem Glas Wein. Serviert wurden die Getränke vom Team der Buchhandlung Bökers am Markt, die das Konzert mit Rolf Rötgers mitorganisiert hatte. Dem Künstler gelang eine Zeitreise aus seiner Jugend in den 1970er-Jahren bis heute. Und auch ohne die magischen Zwischenspiele war es ein magischer Abend.

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