Artikelreferenzen

„Es gibt immer noch Überraschungen“

von Martin Siemer

Im Gespräch: Dötlingens Bürgermeister Ralf Spille über Wohnbauentwicklung, Gewerbegebiet und Finanzen

Ralf Spille ist seit dem 1. November 2014 Bürgermeister der Gemeinde Dötlingen. Zuvor war er 38 Jahre in leitender Funktion bei der Volksbank Ganderkesee- Hude eG tätig. Spille ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Familie lebt er in Haidhäuser, einem Ortsteil von Brettorf. Lange Jahre leitete er als Vorsitzender die Geschicke des TV Brettorf. Dessen Faustballmannschaften sind national und international erfolgreich.

1981 wurden Sie zum ersten Mal in den Rat der Gemeinde Dötlingen gewählt. Seit 2014 sind Sie Bürgermeister. Ist Ihnen die Entscheidung, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren, leicht gefallen?

Ralf Spille: Als ich damals von drei Fraktionen aus dem Gemeinderat gefragt wurde, ob ich kandidiere, habe ich lange mit mir gekämpft. Ich war damals 57 und fast am Ende meiner beruflichen Laufbahn angekommen. Mein jüngster Sohn hat gesagt „Lass das!“. Mit Mitte 40 hätte ich mich vermutlich auch nicht dafür entschieden. Und vor allem hätte ich das Amt nicht für jemanden anders übernommen als für die Gemeinde Dötlingen.

Trotzdem haben Sie den Schritt in das Amt gewagt?

Ja, ich konnte ja schon auf einen langen politischen Weg zurückblicken. 1981, mit 25 Jahren, wurde ich zum ersten Mal in den Rat gewählt. Bis 2001 saß ich in diesem Gremium. Nach der Geburt unserer beiden Söhne habe ich dann aber zehn Jahre kein Mandat mehr ausgeübt. Erst 2011 bin ich wieder eingestiegen. Da wurde ich dann zusätzlich zum Gemeinderat auch gleich noch in den Kreistag gewählt. Es gab damals entsprechend viele Ausschuss- und Ratssitzungen oder Fraktionssitzungen. Zudem war ich ja noch Vorsitzender vom TV Brettorf, den ich mit der Kandidatur abgegeben habe. Der zeitliche Aufwand hat sich also nicht sehr verändert.

Die Arbeit als ehrenamtlicher Abgeordneter ist aber etwas anderes als die eines Bürgermeisters. Fiel der Einstieg schwer?

Ja durchaus. Ich habe nicht damit gerechnet, was alles auf mich zukommt. Der Vorteil war allerdings, dass die Wahl im Mai war und der Amtsantritt am 1. November erfolgte. Ich habe damals ab August tageweise im Rathaus hospitiert. Das war aber mehr ein Reinschnuppern, denn die Themen waren mir ja durchaus bekannt. Und ich habe meinen Vorgänger auf einigen Terminen begleitet. Auch heute, nach vier Jahren, gibt es aber immer noch Überraschungen in der täglichen Arbeit.

Nach dem Amtswechsel gab es einige personelle Veränderungen.

Ja, die Veränderungen waren durchaus erheblich. Wie bei allen Kommunen ist auch in der Gemeinde Dötlingen die Personaldecke sehr angespannt. Und Veränderungen treffen ein kleines Haus immer mehr als ein großes. Dabei sind die Anforderungen bei beiden gleich. Ich bin aber froh, dass wir die strukturellen und organisatorischen Veränderungen gemeistert haben. Und dass die Politik diese mitgetragen hat. Das war wichtig und richtig, auch um die vorhandenen, qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten.

In den vergangenen Jahren hat die Attraktivität der Gemeinde als Wohnort zugenommen. Wie tragen Sie dem Rechnung?

Wir haben mit Neerstedt, Dötlingen und Brettorf aktuell drei Schwerpunkte in der Wohnbauentwicklung. Die 36 Bauplätze im Baugebiet Ramshorn in Neerstedt waren innerhalb von zwei Jahren verkauft. Aus diesem Grund planen wir aktuell auch die Erweiterung unseres Kindergartens in Neerstedt. Am Goldbergsweg in Dötlingen beginnen wir jetzt mit der Vermarktung der Bauflächen. Im Februar beginnt dort die Erschließung des Baugebietes. Und in Brettorf sind die Vorplanungen für den Bereich Brettorf West angelaufen. Wir haben festgestellt, dass Menschen, die sich Brettorf ansiedeln, eher Richtung Ganderkesee als nach Wildeshausen tendieren. Nach Ganderkesee können sie mit der Nordwestbahn pendeln und haben alle Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und Apotheken in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Ein vierter Schwerpunkt ist Aschenstedt. Dort wird sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht mehr viel verändern. Auch, weil es dort zum Beispiel keine Versorgungsmöglichkeiten gibt.

Die Gemeinde ist aber nicht erst mit der immer größer werdenden Nachfrage nach Wohnraum aktiv geworden?

Nein. All das, was heute als Lösungen für den Wohnbau vorgeschlagen wird, hat Dötlingen bereits lange vorher gemacht. Seit Ende der 1970er Jahre haben wir Grundstücke aufgekauft, um die Preise moderat zu halten. Und auch mit der GSG Oldenburg haben wir bereits erfolgreich zusammengearbeitet. Das aktuelle Projekt in Neerstedt wird im Frühjahr 2019 fertig sein. Am Goldbergsweg in Dötlingen entstehen ebenfalls einige Mehrfamilienhäuser mit einem entsprechenden Wohnangebot. Innerhalb der Bebauungspläne gibt es noch verschiedene Möglichkeiten. Im Außenbereich ist es deutlich schwieriger. So kann man nicht einfach aus größeren Häusern kleinere Häuser machen. Das scheitert zum Beispiel an Einschränkungen bei der Neuvermietung.

Lohnt sich dieser ganze Aufwand?

Ja. Wir müssen die jungen Menschen in der Gemeinde halten und dafür auch entsprechenden Wohnraum anbieten können. Das ist wichtig für die Gemeinschaft. Denn unsere Vereine oder auch die Feuerwehren brauchen diese jungen Menschen, damit sie fortbestehen können.

Wenn sie junge Menschen oder Familien nach Dötlingen holen oder dort halten wollen, muss es aber auch ein entsprechendes Kinderbetreuungsangebot geben?

Unbedingt. Wir haben gerade die Erweiterungen in den Kindergärten in Neerstedt und Dötlingen abgeschlossen und in Brettorf den Umbau beendet. Trotzdem fehlen in diesem Jahr plötzlich mehr als 20 Plätze in der Gemeinde. Diese Entwicklung ist vermutlich dem Zuzug geschuldet, der leider nicht planbar ist. Aber wir reagieren darauf, und werden den Bedarf an Kindergartenplätzen decken. Doch mit dem Neubau von Kindergärten oder Krippen ist es nicht getan. Vor allem die Personalsituation ist das Problem. Qualifizierte und gute Erzieherinnen und Erzieher sind kaum zu bekommen. Dagegen ist die Situation an unseren Grundschulen im Moment stabil. Beide Schulen sind gut aufgestellt.

Gibt es noch andere Aspekte, bei denen junge Familien wichtig sind?

Der Zuzug hat für die Gemeinde auch positive finanzielle Auswirkungen. Der Anteil am Einkommensteueraufkommen ist nicht unerheblich bei der Finanzplanung. Deshalb sind auch Arbeitsplätze in der Gemeinde wichtig. Im Endergebnis müssen wir das Dreieck – Dötlingen, Wildeshausen und Harpstedt – attraktiv halten.

Sie sprechen damit auch das geplante interkommunale Gewerbegebiet in Hockensberg an?

Ja, das Planverfahren läuft. Aber die zahlreichen Einwendungen machen das Verfahren etwas zäh. Es dauert alles länger. Und wir können erst in die weiteren politischen Beratungen einsteigen, wenn alle Unterlagen komplett sind. Unsere Unternehmenslandschaft ist ja eher heimisch geprägt. Trotzdem müssen wir Flächen vorhalten, auch für einheimische Unternehmen, die expandieren wollen oder müssen.

Eine florierende Wirtschaft ist ebenfalls wichtig für die Finanzen der Gemeinde. Wie sieht die Haushaltslage aus?

Die Exxon als großer Gewerbesteuerzahler ist Geschichte. Unsere Aufgabe ist es, auch in Zukunft die Einnahmesituation zu stabilisieren. Im Moment hilft uns noch die gute Wirtschaftslage. Aber auch Biogas und Windenergie leisten ihren Beitrag dazu. Dötlingen ist zurzeit schuldenfrei. Jedoch haben wir im Ergebnishaushalt in diesem Jahr ein Defizit von 1,2 bis 1,3 Millionen Euro. Das ist unter anderem den Abschreibungen in Höhe von rund zwei Millionen Euro geschuldet. Die wiederum basieren auf den vielen Investitionen der vergangenen Jahre. Dadurch haben wir allerdings eine gute Substanz bei Straßen und Gebäuden. Diesen guten Zustand müssen wir entwickeln und erhalten. Eine Herausforderung war auch der plötzliche Wegfall der Kindergartenbeiträge.

Welchen Anteil kann der Tourismus zur Entwicklung der Gemeinde beitragen?

Wir müssen den Tourismus pflegen. Wichtig ist, dass wir das, was wir haben, erhalten und behutsam ausbauen.

Ihre Amtszeit endet in drei Jahren. Was stehen noch für Aufgaben an?

Wie ich bereits sagte, müssen wir daran arbeiten, die jungen Menschen in der Gemeinde zu halten. Die Anstrengungen dazu habe ich aufgezählt. Dann müssen die Finanzen stabil bleiben. Insgesamt sehe ich Dötlingen auf einem guten Niveau. Wir haben gute, tolle Vereine, eine intakte Infrastruktur und eine positive Entwicklung bei den Kindertagesstätten. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass das so bleibt.

Denken Sie schon über eine erneute Kandidatur nach?

Ich kann nach dem Ende meiner jetzigen Amtszeit 2021 noch mal fünf Jahre im Amt bleiben. Ob ich erneut antrete, werde ich in einem Jahr entscheiden. Ich möchte die Politik rechtzeitig informieren. Rückblickend sehe ich meine erste Kandidatur positiv.

Das Interview führte Martin Siemer.

Weser Kurier / Delmenhorster Kurier, Ausgabe 13. Feburar 2019

Zurück