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Es ist doch nur ein Türknauf

von Martin Siemer

Eine Glosse von Martin Siemer über einen Fehl-Griff

Martin Siemer
über einen Fehl-Griff

Es war einmal ein Türknauf. Der fristete sein Dasein an einer mächtigen Holztür am Rathaus der Wittekindstadt Wildeshausen. Viele drückten ihn, Generationen von Gildekönigen gingen an ihm vorbei. Doch die meisten Wildeshauserinnen und Wildeshauser schenkten ihm keine Beachtung.

Bis zu dem Tag, an dem ein aufmerksamer Praktikant des Türknaufs ansichtig wurde. Als er ihn berührte, spürte er, dass dieser Türknauf anders war als alle anderen. Jener junge Mann entdeckte in den Ornamenten, die den Türknauf zieren, vermeintliche Hakenkreuzsymbole. Um diese kenntlich zu machen, bedurfte es jedoch eines gelben Farbstiftes. Die Oberen der Stadt, aufgeschreckt durch die Erkenntnisse des Praktikanten, vollbrachten etwas sehr Ungewöhnliches. Sie handelten umgehend. Der Knauf wurde entfernt, die mit ebensolchen Ornamenten verzierte Trägerplatte mit einer schmucklosen Holzscheibe abgedeckt.

Heimatforscher und Historiker mutmaßten über die Entstehung und das Alter des Türknaufs. Im Dritten Reich, unter den Nazis, könnte er montiert worden sein. Nach dem Ende der braunen Diktatur womöglich umgearbeitet, um die Hakenkreuzsymbolik zu kaschieren. Doch niemanden waren danach die vermeintlichen Symbole der NSZeit aufgefallen. Nicht einmal der Denkmalpflege, die sich intensiv mit den Fugen des altehrwürdigen Rathauses beschäftigte. Wohl auch deswegen gab es bereits vor 30 Jahren den bauhistorischen Hinweis, dass am Wildeshauser Rathaus keinerlei NS-Symbole zu finden seien.

Licht ins Dunkel brachte erst ein Wildeshauser Kunstschmied. Er hatte den Griff 1969 nach dem Muster des Originals angefertigt. Jenes war roher Gewalt zum Opfer gefallen. Und so vermutete man, dass sich die Ornamente doch als Kette von Hakenkreuzen entpuppten. Das es sich bei den Ornamenten um eine Swastika handelt, ein Ornament, das 10 000 vor Christi schon in Asien und Afrika verwendet wurde, machte es aber nicht besser.

Die Stadtoberen entschieden nach langem Überlegen, dass der Türknauf in der Versenkung verschwindet. Er fristet jetzt sein Dasein in den Archivalien des Bürgerund Geschichtsvereins.

Doch bei den Bürgern regt sich Unmut. Sie wollen, dass der Knauf wieder an seinen angestammten Platz kommt. Nicht etwa um damit einen Wallfahrtsort für neue Nazis zu schaffen. Für viele Wildeshauserinnen und Wildeshauser gehört der Türknauf einfach zum historischen Rathaus. Und vielleicht könnte der metallene Knauf ja auch so etwas wie ein Mahnmal an das dunkelste Geschichtskapitel Deutschlands und auch Wildeshausens sein. Denn das gilt es immer noch aufzuarbeiten, auch in Wildeshausen.

In der Wittekindstadt macht man sich derweil Gedanken, ob eventuell auch andere Erinnerungsstücke an die Zeit des Nationalsozialismus entfernt werden müssen. Man denke da an die Autobahn 1, die ein gutes Stück an Wildeshausen vorbeiführt. Zugegeben, die Straße wurde nicht von den Nazis erfunden, aber doch für ihre Zwecke ausgebaut und protegiert. Und auch der Muttertag, mittlerweile einer der umsatzstärksten Tage für den Blumeneinzelhandel, muss mit anderen Augen gesehen werden. Immerhin diente er den Nazis seit 1934 als „Gedenkund Ehrentag der deutschen Mütter“ mit der Einführung des Reichsmütterdienstes in der Reichsfrauenführung. Das alles wird bleiben.

Der Türknauf allerdings wird sich wohl nie wieder von Wildeshausern drücken lassen können.

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