Artikelreferenzen

„Miteinander statt übereinander reden“

von Martin Siemer

Im Gespräch: Landrat Carsten Harings erinnert sich an ein turbulentes Jahr 2014 und blickt voraus

Carsten Harings ist seit 1. November 2014 Landrat des Landkreises Oldenburg. Seit 2010 war er als Erster Kreisrat
Allgemeiner Vertreter seines Vorgängers. Seine Karriere in der Verwaltung begann 1978 in der Landeshauptstadt Hannover. 1981 wechselte er zum Landkreis nach Wildeshausen. Harings lebt mit seiner Familie in Sandkrug.

Sie sind seit 1981 beim Landkreis Oldenburg tätig. Ihr Einstieg in die Verwaltungslaufbahn fand aber nicht hier statt?

Carsten Harings: Ich habe meine Ausbildung mit dem Vorbereitungsdienst für die gehobene Verwaltungslaufbahn in der Landeshauptstadt Hannover begonnen. Nach dem Abschluss bin ich dann zum 1. August 1981 zum Landkreis Oldenburg gewechselt. Im vergangenen Jahr hatte ich mein 40-jähriges Dienstjubiläum im öffentlichen Dienst. Der Rückblick war dann schon bemerkenswert, was in diesen vier Jahrzehnten alles geschehen ist.

Sie haben fast zehn Jahre die Kämmerei des Landkreises geleitet. War dieser Bereich der Verwaltung von vornherein geplant?

Nein. Ich fand das kommunale Haushaltsrecht während der Ausbildung immer recht trocken. Als ich mich beim Landkreis beworben hatte, waren Stellen in mehreren Bereichen zu besetzen. Während des Einstellungsgesprächs wurde ich gefragt, wo ich eingesetzt werden möchte. Ich habe dann gesagt: nicht in der Kämmerei. Aber der damalige stellvertretende Oberkreisdirektor sah bei mir wohl Förderbedarf und hat mich eben genau dort eingesetzt. Die Kämmerei ist dann aber zur schicksalhaften Fügung für meinen späteren Werdegang geworden. Ich war zunächst stellvertretender Amtsleiter, im Jahr 2000 Kämmerer und wurde am 1. Mai 2010 einstimmig zum Ersten Kreisrat gewählt.

Dann war die Entscheidung, für die Wahl zum Landrat anzutreten, die logische Fortsetzung?

Das Jahr 2014 war ein unglaublich herausforderndes Jahr. Ich bin damals zwei Terminkalendern hinterhergelaufen. Die Wahl fand im Mai statt, der Amtsantritt am 1. November. Eine wirkliche Überlegung, für das Amt des Landrats zu kandidieren, gab es nicht. Es fehlte schlichtweg die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Es war vielmehr eine Frage, Verantwortung zu übernehmen und den Landkreis wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Dieser Verantwortung habe ich mich gestellt und gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Politik ist es uns letztendlich auch gelungen.

Der Landkreis befindet sich auf einem erfolgreichen Weg. Nach dem turbulenten Jahr 2014 trat aber nicht unbedingt Ruhe in der Arbeit ein?

Nein, im Frühsommer 2015 zeichnete sich bereits die steigende Zuwanderung von Geflüchteten ab. Ende des Jahres bis 2016 hinein erreichte sie den Höhepunkt. Das hat ganz viele Menschen in unserem Haus beschäftigt. Und es waren Tage dabei, da habe ich gedacht, das kann nicht jeden Tag so weitergehen. Aber wir haben die Herausforderung mit vielen hauptamtlichen Kräften, befreundeten Behörden und Institutionen, unzähligen ehrenamtlichen Helfern und mit dem Rückhalt des Kreistags gemeistert. Das war eine aufregende, eine anstrengende Zeit. Ich erinnere mich an Begegnungen mit Geflüchteten, an bewegende Schicksale, die plötzlich nicht mehr nur im Fernsehen, sondern ganz nah waren.

Damit war es dann aber noch nicht genug?

Nein. 2016 beschäftigten uns das ganze Jahr die Unregelmäßigkeiten bei den Abrechnungen einer Rettungsdienstorganisation. Und zum Jahreswechsel 2016/2017 hielt dann die Geflügelpest Einzug in den Landkreis. Alles zusammen sind das Herausforderungen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.

Sie sehen den Landkreis auf einem guten Weg. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Die Grundlage für die erfolgreiche Arbeit ist das vertrauensvolle Miteinander von Kreistag und Kreisverwaltung. So ist es auch gelungen, die Verschuldung des Landkreises kontinuierlich zurückzufahren, ohne auf Investitionen zu verzichten. Das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Ende 2009, vor der Bankenkrise, hatten wir einen Schuldenstand von 14,5 Millionen Euro. 2013 war die Verschuldung durch eine rege Investitionstätigkeit, auch um die hiesige und regionale Wirtschaft anzukurbeln, auf rund 26 Millionen Euro angewachsen. Ende 2019 werden wir bei 16,6 Millionen Euro liegen.

Sie sprachen die Bankenkrise an. Der Landkreis ist relativ gut durch diese Zeit gekommen.

Ja, mit dem breiten Mittelstand sind wir gut aufgestellt. Das macht den Landkreis robuster in solchen Situationen und war die Grundlage dafür, dass wir die Bankenkrise so schnell hinter uns gelassen haben. Gut aufgestellt bedeutet aber nicht, dass wir nachlassen dürfen, die vorhandenen Potenziale der Wirtschaft zu fördern und zu unterstützen. Das ist auch das Credo unserer Wirtschaftsförderung. Und es ist der richtige Weg, um mit den Unternehmen an unserer Seite erfolgreich zu bleiben. Das zeigt sich auch in den historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen, die im November und Dezember bei 3,1 Prozent lagen.

Ein erfolgreicher Landkreis weckt bisweilen auch Begehrlichkeiten. Es gab Überlegungen, die kreisfreie Stadt Delmenhorst einzugliedern.

Diese Begehrlichkeiten sehe ich im Moment überhaupt nicht. Der Landkreis Oldenburg hat eine gute Zukunft. Wünschenswert wäre eine weitere Stärkung der Einräumigkeit. Weitere Landesbehörden werden wir mit offenen Armen empfangen.

Um die Wirtschaft nachhaltig zu fördern, bedarf es gut ausgebildeter Schülerinnen und Schüler. Der Landkreis investiert seit Jahren viel in seine Schulen.

Mir liegen die Schulen besonders am Herzen. Dort wird die Grundlage für die Zukunft unserer Kinder geschaffen. Und der Kreistag sieht das genauso. Wir haben ein mehrjähriges Grunderneuerungsprogramm aufgelegt. Zwischen 2014 und 2019 investieren wir insgesamt rund 41,8 Millionen Euro in unsere Schulen. Dazu gehörten Investitionen in die IT-Ausstattung, die Gebäude und die Ausstattung der Schulen. Das Programm wird Anfang der 2020er-Jahre abgeschlossen sein. Die Schulen sind dann auf einem guten und zukunftsweisenden Niveau.

Schülerinnen und Schüler machen sich derzeit für den Klimaschutz stark. Der Landkreis ist auch auf diesem Gebiet seit Jahren erfolgreich unterwegs.

2014 haben wir unser Klimaschutzkonzept verabschiedet. Dieses wird jetzt partnerschaftlich mit den Kommunen im Landkreis umgesetzt. Mich freut dabei, dass unsere Bemühungen bereits zwei Mal ausgezeichnet wurden. Einmal zusammen mit dem Regionalen Umweltzentrum und einmal mit Landvolk und Landwirtschaftskammer. Das Engagement der Landwirte begrüße ich besonders, weil sie eigentlich mehr Sorgen als das Klima haben, ich nenne da nur das Tierwohl. Der Umgang miteinander ist sehr fair. Ich hatte aber anfangs auch schon einen Runden Tisch erlebt, der in Wahrheit recht eckig war. Da wurden Positionen ausgetauscht, ohne dass man sich wirklich angenähert hätte. Wir haben dann regelmäßige Treffen initiiert, bei denen wir die einzelnen Themenblöcke nach und nach abgearbeitet haben. Dabei gab es ehrliche Diskussionen, bei denen beide Seiten mit offenen Ohren zugehört haben. Wir dürfen Probleme nicht wegdiskutieren, sondern müssen sie anpacken und lösen. Dessen sind sich alle bewusst. Wichtig ist – aber das gilt generell –, dass wir insgesamt mehr miteinander sprechen, statt übereinander zu reden.

Sie haben jetzt noch drei Jahre als Landrat vor sich. Welche Aufgaben gibt es noch zu erledigen?

Wir wollen das Grunderneuerungsprogramm an unseren Schulen zu Ende führen. Und bis zum Ende der Wahlperiode wollen wir weiter den Tiefbau verstärken, um die Kreisstraßen und Radwege auf einem guten Niveau zu halten. Dazu zählt auch, das vorhandene Radwegenetz sinnvoll zu ergänzen. Wie bereits erwähnt, wollen wir die Verschuldung des Landkreises bis zum Ende der Wahlperiode auf den Stand von 2009 zurückführen. Wichtig ist auch, dass wir im Breitbandausbau einen deutlichen Schritt nach vorne kommen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass der Ausbau eine nationale Aufgabe ist. Aber auch wir haben gemeinsam mit den Kommunen Verantwortung übernommen. Zwei Projekte sind auf den Weg gebracht. Ein Drittes wird aber notwendig sein, um eine flächendeckende Breitbandversorgung zu erreichen. Das ist in Ballungszentren etwas einfacher zu erreichen als im ländlichen Raum. Und es ist unverändert ein mühsames Geschäft. Aber wir bleiben am Ball.

Nach dem Ende Ihrer jetzigen siebenjährigen Amtszeit könnten Sie noch einmal für fünf Jahre kandidieren. Haben Sie darüber schon nachgedacht?

Ach, das ist ja noch eine Ecke hin. Ich konzentriere mich lieber auf meine Aufgaben. Das wird aber rechtzeitig geschehen.

Halten Sie die Verkürzung der Amtszeit auf künftig fünf Jahre für richtig?

Ich persönlich halte die neue Regelung für falsch. Fünf Jahre sind zu wenig, wenn sich jemand neu in das Amt einarbeiten muss. Da ist schnell ein Jahr herum, und im letzten Jahr befindet man sich schon wieder im Wahlkampf. Außerdem erfolgen die Wahlen dann auch immer zeitgleich mit dem Kreistag. Aber der Kreistag sollte eigentlich alleine im Fokus einer Wahl stehen und nicht mit oder neben der Wahl des Landrates. Das Ehrenamt hat es verdient.

Als Landrat stehen Sie immer im Fokus. Nicht alles ist dabei positiv.

Ich habe überwiegend Freude an dieser reizvollen Aufgabe. Ich habe viele interessante Momente erlebt, viele Menschen kennengelernt. Es gibt aber auch unschöne Momente, die man für sich persönlich werten und verarbeiten muss. Aber es überwiegt das Positive. Die Vielfalt der Aufgaben macht den Reiz dieses Amtes aus.

Gibt es etwas, was Sie sich für die Zukunft wünschen?

Ja! Die Menschen, egal welchen Alters und egal wo, sollen bei aller Hektik und allen persönlichen Zielen die Tugenden Respekt, Ehrlichkeit und Toleranz nicht vergessen. Ein respektvolles Miteinander ist für unsere Gesellschaft unabdingbar. Wenn man unsere Gesellschaft insgesamt betrachtet, dann nehme ich persönlich ein verändertes Demokratieverständnis wahr. Ich glaube, das ist nur bedingt den sozialen Medien geschuldet. Sie sind ein Mittel, aber nicht die Ursache. Besonders Nationalismus und Populismus sind besorgniserregende Entwicklungen. Als „Europäer“ bekommt man aktuell ja das Gefühl, eine fast „aussterbende Art“ zu sein. Jeder schaut nur auf sich. Mir liegt der europäische Gedanke indes besonders am Herzen. Darum setze ich mich auch sehr dafür ein, die Partnerschaft mit dem polnischen Landkreis Nowomiejski zu festigen und auszubauen. Besonders der Jugendaustausch füllt diese Partnerschaft mit Leben. Und das ist der richtige Ansatz, um den europäischen Gedanken in die Jugend zu tragen.

Das Interview führte Martin Siemer

Weser Kurier / Delmenhorster Kurier, Ausgabe 27. Februar 2019

Zurück